Wie Die Tanzmusik In England Elektronisch Wurde

Oral Histories: Greg Wilson Interviewed By Groove Magazine’s Daniel Haaksman


Electro ist wieder zurück! Electro? Im Falle von DJ Greg Wilson geht es im folgenden Interview um den Electro der Jahre 1981-1984. Jenen Electro, der Tracks wie „Planet Rock“ von Africa Bambaataa oder „Rockit“ von Herbie Hancock meint, das Genre, das elektronische Beats breitenwirksam in die Tanzmusik einführte. Im Zuge der ärchaologischen Tiefengrabungen, die derzeit die Post-Disco- und Prä-House-Ära beleuchten, erschien soeben auf Tirk Records die Compilation „Credit To The Edit“ des englischen DJs Greg Wilson. Was auf den ersten Blick aussieht wie eine weitere Compilation mit Disco-Edits ist tatsächlich ein Dokument über die Arbeit des heute fünfundvierzigjährigen Djs. Zwischen 1981-1983 führte Greg Wilson in Manchester-Clubs wie dem Legend und der Haçienda Electro ein. Daneben war er der erste Mixing-DJ Englands und gilt als erster englischer DJ-Produzent, der Edits machte. Nach zwanzig Jahren DJ-Pause kehrte Greg Wilson vor einem Jahr wieder an die Plattenteller zurück. Zeit, mit einem der wohl einflussreichsten englischen DJs zu sprechen, von dem man bis vor kurzem noch nie gehört hat.

Daniel Haaksman, September 2005.

Daniel Haaksman: Wann hast Du mit dem DJen begonnen?

Greg Wilson: 1975. Ich war damals noch in der Schule. Ich legte auf Schulfesten auf, und wurde gelegentlich bei mobilen Discokethen engagiert, die in Gemeindezentren veranstaltet wurden. Dann begann ich, regelmässig Samstag Abends in meiner Heimatstadt New Brighton, das liegt bei Liverpool, in einer Discothek aufzulegen. Ich musste regelmässig behaupten, dass ich älter sei, man durfte als fünfzehnjähriger ja noch nicht in die Disco! Einige Monate später bekam ich dann eine zweite Residency, und meine DJ-Karriere nahm ihren Anfang.

DH: Du hast dann sehr früh im Ausland gespielt. Wie ist es dazu gekommen?

GW: Es gab Mitte der Siebziger bereits eine Reihe von DJ-Agenturen, die DJs international vermittelten. Allein in Norwegen gab es Ende der Siebziger Jahre über fünfhundert englische DJs. In Deutschland arbeiteten ebenfalls sehr viele englische DJs in den Clubs . Der Grund dafür war, dass in dieser Zeit DJs vor allem mit dem Mikrofon durch den Abend führten. Die DJs wurden also überhaupt nicht als Mix-DJs gebucht, oder als Personen, die einen besonderen Sound auflegten, sondern als Leute, die mit dem Mikrofon umgehen konnten und nebenbei die Leute mit dem Plattenauflegen beim Tanzen hielten. In Schweden z.B. machten auch die schwedischen DJs ihre Ansagen in englisch, es war also damals schon so etwas wie die internationale Nightlife-Sprache, und daher bekamen englische DJs überall in Europa Engagements. Ich war ab 1978 ein International DJ, und mein erstes Auslands-Engagement war in Dänemark. Ich bin aber nach einigen Wochen wieder nachhause, weil ich Heimweh hatte. 1980 fing ich an, in Deutschland aufzulegen. Ich hatte ein Engagement im Club Eastside in Mühlheim an der Ruhr (siehe Foto). Dort hatten sie schon den Technics 1200, der einen Pitch hatte. Von diesem Plattenspieler hatte ich nur gehört. Als ich damit auflegte, begann ich dann bald zu verstehen, wie das mit dem Mixen funktionierte. Djs spielten damals ja in der Regel jede Platte aus und moderierten während den übergängen. In Mülheim legte ich dann zwei Monate am Stück auf. Es war als International-DJ üblich, dass man fünf oder sechs Tage die Woche auflegte, und das über ein, zwei Monate lang. Während meine Mülheimer Zeit bin ich an einem freien Abend nach Essen in die Discothek Librium und war beeindruckt von dem ganzen Club-Set-Up. Die hatten einen Light-Controller, der eine Lichtorgel mit dem Keyboard spielte, und der das gesamte Licht im Club bestimmten konnte. Und dort spielte ein DJ, der richtig mixte, und das Mikrofon den ganzen Abend über nicht in die Hand nahm – sein Name war Peter Römer. Dieser Abend öffnete mir die Augen und ich dachte: Wenn die Zeit einmal reif sein sollte, möchte ich auch einmal so auflegen. Ich hörte damals auch von einem Club in Frankfurt Namens Dorian Gray, aber in die grossen Clubs kam man als DJ damals nur, wenn man schon längere Zeit auf dem internationalen Circuit gespielt hatte. Nach meinem Engagement in Mülheim bin ich für einige Zeit zum DJen nach Dänemark in die „Daddy’s Dancehall“ gegangen. Ich plante damals, mit dem internationalen DJen weiterzumachen, bin dann aber wegen eines Autounfalls wieder zurück nach Hause, und blieb dann in England.

DH: Wie bist Du dann nach Manchester gekommen?

GW: Ich habe tatsächlich nie in Manchester gelebt, sondern in Wigan, das zwischen Liverpool und Manchester liegt. 1980 bekam ich eine Residency im Wiegan Pier, wo ich vier Tage die Woche auflegte. Das war nicht nur praktisch, weil es ein paar Meilen von meinem Zuhause entfernt war, damit war mir vor allem ein grosser Traum in Erfüllung gegangen: Denn es war ein Club, der für die damalige Zeit in England einmalig war, es war der erste Club mit einer Lasershow, und das Interieur orientierte sich an New Yorker Discotheken. Die Eigentümer des Pier eröffneten dann einen zweiten Laden – das Legend in Manchester – der ein noch beeindruckenderer Club war, mit aufwendigem Licht, chicen Interieur und vor allem: Technics SL 1200er – und davon gleich drei!

DH: Was hast Du damals gespielt?

GW: Im Wigan Pier lief in dieser Zeit an den Wochenenden New Romantic-Music, also Gary Numan, Human League, Soft Cell, aber auch Charts-Musik, sowie einige Sprenksel Black Music dazwischen. Dienstags startete ich dann kurz nach meinem Engagement als Resident einen Jazz-Funk-Abend, denn Black Music war meine Herzensangelegenheit. Die Sorte Abende gab es zu dieser Zeit sehr viel in England. Bei Jazz-Funk-Nächten spielten die DJs allerdings nie aussschiesslich Jazz-Funk, man spielte eher das Beste von Allen Black Music Genres – ausser Reggae, das eine separate Szene war. Ich spielte damals Soul, und viel, was man heute als Boogie bezeichnen würde, wir nannten das damals Disco Funk. Ich spielte auch einige der italienischen Dance-Produktionen, Harry Truman’s „Underwater“, z.B. die damals immer häufiger auch in England auftauchten. Innerhalb eines Jahres hatte ich im Wigan Pier eine sehr erfolgreiche Jazz-Funk-Veranstaltung etabliert. Die grossen Tunes von 1981 waren z.B., Bohannon „Let’s Start II Dance“, D Train „You’re The One For Me“, Slave „Snap Shot“ oder Vaughan Mason „Rocking Big Guitar“.

DH: Wann begannen deine Club-Abende in Manchester? Was unterschied die Abende im Legend von denen im Wigan Pier?

GW: Im Sommer 1981 konnte ich dann auch im Legend Mittwochs einen Jazz-Funk-Abend starten. Im Legend war einiges anders. Es gab eine unglaubliche Licht-Anlage, und der Club legte grossen Wert auf einen guten Sound. Dort versuchte ich dann, mehr das Mixen in den Vordergrund zu stellen. Bis dahin war das Mikrofon das wichtigste Utensil eines Djs gewesen, damit sagte er Stücke an, oder machte Witzchen und feuerte das Publikum an. Ich merkte aber bald, dass das im Legend bei den Kids nicht gut ankam und so begann ich,häufiger ohne Mikrofon aufzulegen und mich mehr um nahtlose übergänge von Platten zu kümmern. Das war revolutionär, denn keiner der Jazz-Funk-DJs mixte. Es war damals sogar so, dass wenn man die ganze Nacht nur mixte, und nicht das Mikrofon bediente, man von Publikum und Clubbesitzern als fauler DJ bezeichnet wurde. Ich versuchte es weitgehend ohne Mikro, und es funktionierte.

DH: Wie reagierten die Legend-Besucher darauf?

GW: Die Kids liebten es. Und es machte dann auch schnell den grossen Unterschied zu anderen Jazz-Funk-Nächten aus. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich nicht, dass nur sechs Monate später das ganze Electro-Ding losgehen sollte, die erste Musik, die man wirklich lupenrein mixen konnte, weil sie auf der Basis von gesequencten, elektronischen Beats bestand. In der Zwischenzeit verbesserte ich meine Mix-Künste, bis dann im Frühjahr 1982 das Ganze durch die Decke ging. Es kam alles zusammen: Das Mixen, eine euphorische Crowd, und diese neue Musik, die wir Electro nannnten. Daraus entstand etwas aufregend Neues.

DH: Wer kam zu deinen Abenden?

GW: Das Publikum war jung, darunter sehr viele gute Tänzer, viele Musikliebhaber, es waren zu 90% Black Kids.

DH: Was passierte, als Du anfingst mehr und mehr Electro-Tunes zu spielen?

GW: Es war für mich nicht einfach. Die Jazz-Funk-Szene war sehr konservativ. Als Electro über uns hereinbrach war ich plötzlich im Auge des Orkans. Immer, wenn es Wechsel gibt, gibt es Widerstände, und es dauert eine Weile, bis die Leute begreifen, was passiert. Viele meiner DJ-Kollegen meckerten damals, ich würde die Kids mit Electro in die falsche Ecke lotsen, dabei waren es die Kids, die das Ganze vorantrieben. Ich fragte meine Kritiker immer: Wer seid Ihr eigentlich, zu behaupten, was Black Music ist? Wenn Black Kids Electro lieben, dann ist es Black Music, Punkt, aus. Wenn man heute zurückblickt, dann sieht man, dass dieser Moment und die Abende im Wigan Pier und im Legend der Startpunkt war für Hip Hop in England, für House-Music, für Techno, für alle Arten von elektronischer Tanzmusik.

DH: Wie ist Electro in anderen Teilen von England angekommen?

GW: Für damalige Verhältnisse klangen diese elektronischen Beats sehr experimentell. Viele der damaligen DJs standen Electro sehr kritisch gegenüber, man sagte, in Electro-Tracks würden Soul- und R n’B-Harmonien fehlen, und die Produktionen wären von einem niederen Grad, weil es sich dabei um Maschinen-Musik handelte. Ich bin damals beim DJen in anderen Clubs oft haarscharf an einigen Saalschlachten vorbeigeschrammt, weil nicht wenige Club-Besucher es als Beleidigung ansahen, wenn man Electro zusammen mit Jazz oder Funk spielte. Weil es elektronische Musik war, wurde es einfach nicht als ernsthaft betrachtet! Erst als Marvin Gaye’s „Sexual Healing“ rauskam, sahen die Soul-Spiesser, dass elektronische Beats sehr wohl Soul transportieren konnten. Als Herbie Hancock’s „Rockit“ rauskam, waren dann auch die letzten Jazz-Skeptiker ruhiggestellt. Nach all dem anfänglichen Widerstand begann im Herbst 1982 das Ganze langsam und unaufhaltsam zu wachsen. Vom Norden aus über die Midlands gelangte es nach London und schliesslich in den Süden. Der Grund, warum Electro sich lange nicht in London etablieren konnte, lag an den DJs der mächtigen Soul-Mafia, die den ganzen Süden beherrschte. DJs wie Chris Hill, Robbie Vincent oder Pete Tong (sic!), die stur auf Jazz-Funk und Soul beharrten. Erst 1984 begann ihr Monopol in den Clubs, im Radio und der Black Music Press zu erodieren, als die neue, elektronische Tanzmusik so gross wurde, dass sie sie einfach nicht mehr ignorieren konnten.

DH: Wann kam der Begriff Electro das erste mal auf?

GW: Der Begriff zirkulierte, als genügend Platten dieses neuen Stils auf den Markt kamen. Das war Ende 1981, Anfang 1982. Am Anfang nannten wir das Electric Funk, basierend auf dem Stück „On A Journey (I Sing The Funk Electric)“ von Electrik Funk. Später dann nannten wir das nur noch Electro Funk. Der Track, der den elektronischen Funk-Sound meiner Meinung startete, war D-Train’s „You’re The One For Me“, es war ein grosser Hit, jeder spielte es. Auch wichtig war Stone’s „Time“ auf Westend , Sinammon’s „Thanks To You“, Electra’s „Feels Good“, oder der Larry Levan-Mix der Peach Boys mit „Don’t Make Me Wait“. Das waren eine Reihe von Tracks, bei denen man merkte: Das ist kein Jazz-Funk, und nicht den Funk, den wir bis dahin kannten. Die heftigen Clap-Geräusche am Anfang von „Don’t Make Me Wait“, das gab es vorher beispielsweise nicht. Doch danach erschienen plötzlich einige Stücke, die diese Claps verwendeten. Rockers Revenge mit „Walking On Sunshine“ zum Beispiel, das auch ein grosser Top 5 Chart-Hit in England war. Und diese Songs hatten in den Clubs, in denen ich spielte, alle einen grossen Einfluss. Wohlgemerkt: Das waren Platten, die vor „Planet Rock“ von Africa Bambaataa erschienen. Wichtig war für uns in diesem Zusammenhang damals auch Klein MBO’s „Dirty Talk“. Es war eine Platte, die zunächst bei den New Romantic-Abenden einen Einsatz fand, doch dann begann ich, den Instrumental-Mix auch bei meinen Jazz-Funk-Abenden zu spielen, und es wurde einer der grössten Electro-Tunes. Und am Ende spielten das dann viele DJs in Manchester, u.a. Ewan Clarke, der damals Resident-DJ in der Haçienda war, die im Mai 1982 öffnete. Er erzählte mir neulich, dass dieser Klein MBO-Track praktisch die Grundlage war für „Blue Monday“ von New Order. Er spielte es an einem Abend in der Haçienda, und New Order nahmen die Platte gleich mit und liessen sich von „Dirty Talk“ inspirieren.

DH: Wann hast Du in der Haçienda aufgelegt?

GW: Ab August 1983 spielte ich jeden Freitag in der Haçienda. Ich war dort der erste Dance-DJ und spielte die Musik, die ich auch im Legend auflegte. Das Publikum in der Haçienda war eher indiemässig, ganz im Gegensatz zu der Crowd, die ich im Legend hatte. Leider startete der Freitag dort auch nie wirklich durch, es war ein Abend nur für Mitglieder, und dann waren die Indie-Kids meiner Dance-Music gegenüber sehr negativ eingestellt, für sie war das Bullshit, und sie haben mich das oft spüren lassen. Es gab während meines Engagements in der Haçienda nur drei Abende, wo es voll war, und zwar als New Treatment auftraten, Whodini live spielten und das Finale des Nord-West-Breakdance-Meisterschaft stattfand. Das waren die Abende, als viele junge, schwarze Kids das erste Mal in die Haçienda kamen und es war das erste Mal, dass es zu einem schwarz/weiss Mix kommen sollte. Der Freitag sollte dann später aber zu Haçiendas wichtigstem Abend werden, als Mike Pickering, der damals noch der Club-Manager war, seinen Durchbruch als DJ mit frühen House-Abenden haben sollte, die praktisch den Dance-Vibe meiner Abende fortführten. Die Haçienda wurde einige Jahre später weltberühmt, und was während der Madchester Rave-Zeit passierte, war wirklich aussergewöhnlich, aber es ist eben so, dass nicht die Haçienda die Dance-ära in Manchester lostrat, sondern dass die Dance-Abende dort als Reaktion auf das passierten, was im Legend geschah.

DH: Kommen wir zu deinen Edits. Du hast mit dem Editieren von Tracks schon sehr früh begonnen, was inspirierte dich? Wusstest Du damals, was in New York passierte?

GW: Niemand von uns auch nur die leiseste Ahnung, was in New York passierte. Von Larry Levan habe ich das erste Mal im Zuge des Peach Boys-Tracks gehört. Meine ersten, richtigen Edits habe ich 1982 gemacht. Ich produzierte für das Piccadilly Radio in Manchester regelmässig Radio-Mixe auf Cassette. Diese Cassetten mussten dafür immer auf Tonband überspielt werden und eines Tages zeigte mir jemand, wie eine Bandmaschine funktioniert. Ich begann zunächst, auf den Tonbändern meine Casetten-Mitschnitte zu bearbeiten, und dann ging es auch schon los mit dem Editieren von Tracks. Ich hatte damals niemanden, auf den ich mich beziehen konnte, dass New Yorker Djs Edits für ihre DJ-Sets machten, dämmerte mir erst, als Ende 1982 die ersten Disco-Bootlegs in England auftauchten. Platten wie „Big Apple Productions Nr.1“ oder die „Kiss Fm Mastermixes“, die die ersten, in England erhältlichen Edits für DJs waren.

DH: Wie sind deine Edits entstanden?

GW: Es war eine unglaublich mühselige Angelegenheit. Ich spielte einen Song, den ich editen wollte, mehrere Male hintereinander auf meine Bandmaschine, dann schnitt ich die Teile, die ich erweitern oder verändern wollte, mit einer Rasierklinge heraus. Irgendwann hatte ich für dieses Geschnipsel ein richtiges System entwickelt, bei dem ich auf einem Tonband mit einem Zentimetermass die Taktlänge eines Songs ermitteln konnte. Auf dieser Grundlage konnte ich dann Passagen loopen, oder diesen Maschinengewehr-Effekt produzieren, bei dem man einen Takt viertelte oder halbierte. Ich habe dann mehr und mehr Edits gemacht. Zunächst für meine Radio-Mixe und dann, weil ich unbedingt als Remixer arbeiten wollte. Ich bin damit dann zu all den Major-Labels, die ich kannte, aber die Bosse sagten nur, dass sie nicht an Remixen interessiert wären, denn das sei eine Domäne amerikanischer Djs . Rückblickend war das natürlich der totale Quatsch, aber man war damals einfach noch nicht so weit. Irgendwann dachte ich: Um den Industrie-Typen zu zeigen, dass ich mit Stücken umgehen kann die sie auch kennen, wählte ich Chaka Khan’s „I Feel For You“ oder Stücke von Depeche Mode oder Frankie Goes To Hollywood. Das brachte dann aber leider auch keine Jobs, denn sie verstanden einfach nicht, das auch englische DJs remixen konnten. Kurz darauf entschied ich mich, selbst mit Musikern ins Studio zu gehen und zu produzieren. Und so entstand die Compilation „UK Electro“ auf Streetsounds, die ich produzierte, und die im Rahmen der heute immer noch sehr zu empfehlenden Reihe „Electro“ erschien.

DH: Hast Du deine Edits damals auch im Club gespielt?

GW: Nein, nie! Damals hatte ich das ja alles nur auf meiner Bandmaschine, und damit konnte man nicht mixen. Ich kam erst auf die Idee, als ich das New Order-Video von „Confusion“ sah. Darin sieht man, wie Arthur Baker im Studio arbeitet und wie er dann ins Funhouse geht, und das Band abspielt, um zu testen, wie es im Club funktioniert. Mir fiel es wie Schuppen von den Augen. Aber DJen war damals einfach 100% Vinyl-basiert, ich wäre nie auf die Idee gekommen, eine Bandmaschine im Club zu verwenden. Doch nach dem „Confusion“-Video war es schon zu spät, denn da hatte ich schon meine DJ-Karriere beendet.

DH: Warum hast du Ende 1983 mit dem DJen aufgehört?

GW: Es hatte verschieden Gründe. Als das Legend aus Allen Nähten platzte, und ich die Möglichkeit hatte, die seinerzeit avancierteste Musik aufzulegen, für die interessierteste Crowd, in dem grossartigsten Club, hatte ich erreicht, was ich mir als DJ immer gewünscht hatte. Es war ein sehr besonderer Moment, und ich wusste, dass sich diese besondere Konstellation, am richtigen Ort zur richtigen Zeit zu sein, nicht wiederholen würde. Ich spürte auch, dass sich mit dem Charts-Erfolgen von Electro-Hits wie „Buffalo Gals“ oder „Rock It“, die Dinge veränderten. Electro war plötzlich im Focus einer grossen öffentlichkeit. Und im Sommer 1983 ging es mit Breakdance los. Ich war davon begeistert. Ich liebte die Ausdrucksformen, und es eröffnete vielen Black Kids die Möglichkeit, in der öffentlichkeit aufzutreten, z.B. in Fussgängerzonen oder in Städten, in denen es keine Schwarzen gab. Und Breakdancing sorgte für Kommunikation. Weisse Kids fragten Schwarze, ob sie mit ihnen tanzen könnten, und es entstanden viele Crews in den schwarze und weisse Kids zusammenkamen. Auch in den Clubs hatte das Folgen. Sobald ich einen Electro-Song spielte, wurde gebreakt. Das bedeutete aber auch: Dann war die Party vorbei, denn dann stand der ganze Club nur um die Breakdancer und schaute ihnen dabei zu, wie sie um die Wette tanzten. Die Nicht-Breakdancer, vor allem die Frauen, verloren schnell die Lust daran, weil auf der Tanzfläche kein Platz mehr für sie war, und so kamen sie nicht mehr zu den Abenden, an denen ich auflegte. Neben dem Breakdance-Schisma gab es bei mir in dieser Zeit aber auch einige persönliche Veränderungen. Ich begann viel zu lesen, rauchte jeden Tag Pot und lebte meine Post-Pubertäre-Phase aus. Ich war ja quasi als Teenager mit dem DJen in die erwachsene Welt des Nachtlebens katapultiert worden und merkte dann irgendwann, dass ich noch einiges nachzuholen hatte. Durch das Lesen bekam ich dann auch eine andere Perspektive auf mein Leben, und wollte es ändern. Ein DJ-Kollege von mir aus Manchester, John Grant , hörte 1983, auf der Höhe seine Ruhmes, mit dem DJen auf und wurde Manager eines Hafens an der Südküste. Das war für mich damals eine unheimlich coole Geste. Das kam alles zusammen, und so beschloss ich, Silvester 1983/84 mit dem DJen aufzuhören. Also, aufzuhören, als es am Schönsten war. Noch heute sage ich mir: Es war eine gute Entscheidung. Auch wenn dies mein späteres Leben massgeblich beeinflusste, und Auslöser für viele Höhen und Tiefen war. Aber hätte ich damals nicht mit dem DJen aufgehört, hätte ich jetzt nicht diese Edit-CD gemacht und womöglich wären die Leute heute nicht mehr interessiert an mir. Ich hätte in den Neunzigern, als ich pleite war und nicht weiter wusste, wieder mit dem Auflegen anfangen können, aber für mich war die Zeit einfach nicht reif. Ich wollte nur die Musik DJen, die mir auch wirklich gefällt, und mich auf keinen Fall in eines der damaligen House-Ghettos sperren lassen. Ich habe den Werdegang von Dance-Music immer sehr aufmerksam studiert, aber es gab Momente, wo ich dachte: I’m losing my edge – warum muss ein DJ einen Stil die ganze Nacht spielen? Doch heute sind wir glücklicherweise wieder an einem Punkt, wo die Leute zurückblicken und sich fragen: Was passierte vor House? Heute kann ich das spielen, wozu ich Lust habe und womit ich mich identifizeren kann. Und diese Philosophie vieler DJs von heute, mit einem Bein in der Vergangenheit zu stehen, mit dem anderen in der Gegenwart, die gefällt mir.

DH: Wie bist du dazu gekommen, wieder mit dem DJen anzufangen?

GW: Der Grund, warum ich wieder mit dem DJen begann, war weniger eine Entscheidung, als eine Notwendigkeit. Ich sah, was über Dance-Culture geschrieben wurde und ich ging damit nicht d’accord. Mit der Krise der House-Music begannen viele Journalisten zurückzublicken, und behaupteten etwa, dass Northern Soul und Rave aus einem Zusammenhang hervorgeganen sind. Das war natürlich Quatsch, denn Northern Soul war bereits 1981 tot, und als 1988 Rave startete, waren dazwischen sieben Jahre, in denen sehr viel passierte. Es war, als ob die Geschichte der englischen Dance-Musik geeditet wurde (lacht). Was sie versäumten zu erwähnen, war der Einfluss von Electro und der Black Community, die die Innovationen von Dance Culture in diesem Land bis heute bestimmt. Die Geschichte wurde damals einfach umgeschrieben, und ich musste intervenieren. Ich begann dann, meine Website www.electrofunkroots.co.uk zu starten, schrieb einige Artikel und gab Interviews.

DH: Und wie ist das, nach zwanzig Jahren wieder als DJ zu arbeiten?

GW: Es ist grossartig. Ich werde von mehr und mehr Leuten gefragt, ob ich nicht bei ihnen auflegen möchte. Und mir gefällt das, weil ich nicht nur über die Zeit von damals schreibe, sondern auch wieder die dazugehörige Musik spiele. Dabei arbeite ich aber nicht nur retrospektiv – ich fände nichts schlimmer als nur die ollen Kamellen zu spielen. Ich möchte den Electro der frühen Achtziger im aktuellen Kontext präsentieren, und spiele neben den Platten von damals auch viele Sachen von heute, Edits, Bootlegs, oder neue Release.

DH: Du legst heute auch mit einer Bandmaschine auf. Was machst du damit?

GW: Die Bandmaschine nutze ich als Soundquelle. Ich spiele nach dem Zufallsprinzip Effekte und Geräusche darüber ein. Ursprünglich machte ich die Bänder nicht für die Clubs, sondern fürs Studio, um selbstproduzierte Tracks aufzumöbeln. Als ich wieder mit dem DJen anfing, sagte mir jemand, ich solle doch bei meinen Auftritten auch meine Band-Maschine verwenden, schliesslich sei das ja im Prinzip mein Instrument. Und so spiele ich heute mit Band-Maschine, Laptop, und Plattenspielern. Denn jedes Gerät repräsentiert darüberhinaus auch eine Periode: Die Band-Maschine das Gestern, die Plattenspieler die Gegenwart und der Laptop die Zukunft. Und es sieht einfach optisch auch gut aus. Viele der jüngeren Clubgänger von heute, wissen gar nicht, was das für ein Gerät ist. Im Fabric fragte mich neulich tatsächlich jemand, ob ich mit der Bandmaschine Visuals abspielen würde!

DH: Auf deiner Compilation sind viele Stücke aus den frühen Achtzigern, aber auch ein Chicken Lips-Remix. Wie ist es dazu gekommen?

GW: Man braucht nur die Dankesliste auf der „DJ Kicks“ von Chicken Lips lesen: Da werde ich genannt, mit dem Zusatz „Das Tape ist nun legendär“. Dabei handelt es sich um eins meiner damaligen Mixtapes, die in den frühen Achtzigern in England die Runde machten. Dean Meredith von den Chicken Lips hat das Tape damals von einem Freund kopiert bekommen, wusste aber lange Jahre nicht, von wem die Tracks auf dem Mix waren. Er kontaktierte mich dann irgendwann, weil er sagte, dass dieses Tape ihn damals sehr beeinflusst hätte, und er wollte nun endlich von mir wissen, von wem die Tracks auf dem Mixtape waren. Nebenbei fragte er mich, ob ich nicht für Chicken Lips einen Edit von „He Not In“ machen wollte. Und so ist es dazu gekommen. Es ist toll zu sehen, dass meine Mixtapes von damals auf die heutige Generation von DJs und Produzenten noch Einfluss haben.

This article reproduced with the kind permission of Groove Magazine, September 2005.


© Greg Wilson, 2005

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